Sommerzeit ist Festivalzeit und abseits von Rock am Ring und Rock im Park gibt es jedes Jahr im Juni die beiden Schwesternfestivals Hurricane und Southside. Mit identischem Line-up ziehen sie zusammen mittlerweile mehr als 120.000 Menschen an, wobei es beim Hurricane immer ein paar mehr sind als beim Southside.
Nachdem letztes Jahr der Bühnenbereich erweitert und mit dem Coca Cola-Soundwave Tent das Zelt noch mal vergrößert wurde, fasste das weitläufige Rund des Eichenrings bei Scheeßel noch mehr Feierwütige als vor zehn Jahren beim ersten Hurricane.
[Enttäuschung des Festivals] Beatsteaks
Und dabei lag das nicht mal an den Berlinern und ihrer Show. Tonprobleme machten den Zuschauern links und rechts von der Bühne einen Strich durch die Rechnung. Man hörte den Headliner des ersten Tages nur auf Zimmerlautstärke. Eigentlich unfassbar, wenn man bedenkt, was da an Verstärkern und und Boxen um die Bühne herum aufgebaut ist. Dementsprechend war auch die Stimmung. Zwischen jedem Lied erklangen “Lauter! Lauter!”-Sprechchöre, die aber niemanden erreichten. Denn in der Mitte war alles okay, der Sound fett und die Leute feierten und tanzten.
Trotzdem darf so etwas nicht passieren. Geht einfach gar nicht und hinterließ einen faden Beigeschmack am ersten Abend.
[Beatsteaks Webseite MySpace]
[Neuentdeckung des Festivals] The Notwist
Definitiv die Überraschung des Festivals für mich. Die Band kannte ich bisher nur vom Namen her und wusste auch gar nicht so richtig, was sie überhaupt macht. Trotzdem beschlossen wir, ihr eine Chance zu geben und gingen hin. Und wie vor genau einem Jahr bei Porcupine Tree fragte ich mich, warum der Veranstalter einer solchen Band ausgerechnet einen Slot mittags geben kann. Post- oder Progrock spielt man nicht in der Mittagshitze, wenn man eigentlich schön Siesta halten sollte. Außerdem hätten auch beide Bands eher etwas mehr Vertrauen verdient gehabt, es wäre der Organisation doppelt und dreifach zurückgezahlt worden.
So war es nicht richtig voll, man konnte bequem stehen oder sitzen und sich das Spektakel in Ruhe ansehen. Heraus kam eine wunderbar entspannende Stunde und die Erkenntnis, dass man sich im nächsten Jahr vielleicht mal alle Bands vorher anhören sollte, um solche Perlen auf keinen Fall mehr zu verpassen.
[The Notwist Webseite MySpace]
[Wow-Erlebnis des Festivals] Radiohead
Während einer Regenpause und unzähligen Sturmwarnungen hatte ich die Befürchtung, Radiohead doch nicht sehen zu können. Vor genau zwei Jahren musste auch der damalige Headliner Muse auf Grund sinflutartiger Regenfälle leider ausfallen und ich sah schon das Schlimmste auf mich zukommen. Radiohead waren nämlich der ausschlaggebende Grund, das Festival überhaupt zu besuchen.
Nachdem es aber nur eine kleine Weile geregnet hatte, wurde eifrig umgebaut; es fand also zu meiner Beruhigung statt. Die Bühne hing voller Lichtstäbe, die unterschiedlich von innen heraus beleuchtet strahlen konnten, Instrumente wurden aufgebaut und sogar auf der obersten Trasse der Bühne herrschte rege Betriebsamkeit. Überraschend war allerdings, dass offensichtlich viele Festivalbesucher während des Regens abgereist waren. Es war gradezu leer, man konnte selbst 15 Minuten vor Beginn der Show noch sehr bequem einen Platz in den vorderen Reihen ergattern.
Während von hinten eine mehr als schwarze Wolkenwand Richtung Bühne flog, wurde diese in einem wunderschönen Sonnenuntergang eingehüllt. Blitze zuckten im Rücken, die Sonne strahlte die letzten Wölkchen von unten an; rosa und schwarz als eine gewaltige Naturkulisse. Da kam kurzzeitig etwas Angst auf, jeder sah wohl beim eventuellen Losbrechen des Unwetters einen Abbruch des Konzerts kommen, aber nichts passierte. Das Gewitter zog grade so am Eichenring vorüber, 20km weiter allerdings standen die Keller unter Wasser.
Auf der Bühne selber strahlten die Lichtstäbe, die in allen Farben des Regenbogens leuchten konnten. Wem das nicht Gänsehautstimmung genug war, musste nur zuhören. Radiohead spielten vielleicht nicht die ganz großen Hits, wer das erwartet hatte, wurde sicherlich enttäuscht. Dafür spielten sie bis auf House of cards alle Songs vom neuen Album, vieles von Kid A, zur Versöhnung Lucky. Außerdem gabs eine Menge zu sehen: Instrumentwechsel mitten im Lied. Sachte im Winde wehende Tibetflaggen über dem Piano. Ein krass im Gegensatz zu anderen Liedern stehendes akustisches Faust Arp. Thom Yorke tanzte exstatisch auf der Bühne umher und sorgte damit gleichermaßen für Begeisterung und Belustigung. Splitscreens auf den riesigen Videowänden, die nur die Gesichter der Musiker zeigten, was etwas schade für alle war, die hinten standen und somit nicht wirklich viel sahen. Überhaupt war die Atmosphäre im Publikum unfassbar. Jeder, der laut redete, wurde von den Umstehenden zurecht gewiesen, keiner gröhlte aus voller Kehle mit, nein, irgendwie starrten alle nur ehrfürchtig und gebannt auf die Bühne.
Die Lichtshow, die Videoinstallation, die Organisation, die Pedanterie, mit der jeder Song gespielt wurde und wie sich auf die Sekunde genau alle an einen Plan hielten, zeigt, mit welcher Leidenschaft Radiohead Musik machen. Und daraus ergibt sich auch, wie Musik für den Rezipienten wieder bewusst zu dem wird, was sie eigentlich ist: Kunst.
Zu Recht waren Radiohead Headliner und unterstreichten mit diesem Set ihre Ausnahmestellung. Selten war ich so begeistert und dass, ohne Die Hard-Fan zu sein. Zwar hatte ich mich darauf gefreut, aber meine Erwartungen wurden weit übertroffen.
[Radiohead Webseite]
[Ödestes Set des Festivals] Black Rebel Motorcycle Club
Auf diesen Auftritt hatte ich mich gefreut, weil ich BRMC auf ihrer Clubtour verpasst hatte. Im Gras sitzend haben wir die Abendsonne genossen und den Auftritt über die Leinwände angeschaut. Das Wochenende war doch ziemlich hart und weil niemand mehr so richtig Lust auf Wellenbrecher und Enge hatte, fand diese Alternative nicht nur bei uns regen Anklang.
Auf Platte sind die Kalifonier expolsiv, rockig, mitreißend – live auf dem Hurricane leider nur schrecklich langweilig. Die Mischung zwischen den Rock- und den Folksongs war merkwürdig, die Band wirkte genauso blutleer wie das Publikum und Stimmung wollte auch nicht so recht aufkommen. In einem kleinen Club stelle ich sie mir tausend Mal mitreißender vor als an diesem Tag.
[Black Rebel Motorcycle Club Webseite MySpace]
[Everybody's darlings des Festivals] The Weakerthans
Die Weakerthans sind eine meiner Lieblingsbands. Immer nett, immer sympathisch, immer gut gelaunt. Bis zu diesem Abend. Denn der konnte John K. Samson und seine Jungs, allen voran Chefroadie Felix Gebhard, nur ein ungläubiges Lächeln auf das Gesicht zaubern. Das Zelt war nach einem umjubelten Auftritt von Tegan and Sarah ziemlich voll, von der Decke tropfte der Schweiß und dieser hat vielleicht auch die Technik zerstört, jedenfalls gab es für die Herren auf der Bühne keinen Monitorsound, dh sie konnten sich selber nicht hören. Nach 20 Minuten Soundcheck ging es dann endlich los, was die Zuschauer begeistert aufnahmen. Einige hatten bereits das Zelt wieder verlassen und sahen sich lieber draußen die Chemical Brothers an.
Enttäuschend für die Weakerthans. Enttäuschend auch, dass die Band trotz Verspätung nicht länger spielten dürfte. Sie wollten, sprachen mit dem Veranstalter, doch der ließ sich nicht davon abbringen, dass nach 2.00 Uhr mit allem schluss sein muss. Daher brachen die Kanadier ihr Set dann auch unter einem Pfeifkonzert ab, das nicht ihnen galt. Musikalisch wurde allerdings niemand enttäuscht. Wieder einmal spielten die Weakerthans ein liebevoll zusammengestelltes Konzert, das viele Fans und Neulinge in Entzücken versetze.
[The Weakerthans Webseite MySpace]
Außerdem noch gesehen und für okay befunden:
The Wombats, Sigur Rós, The Subways, Deichkind, Maxïmo Park, Kettcar, Billy Talent, Panic at The Disco und Patrice.
Alles in allem war es musikalisch gesehen ein gutes Festival. Nicht wirklich überragend, aber gut. Tonprobleme dürfen meiner Meinung nach bei der Größe dieses Festivals beim Headliner nicht auftreten – und wenn doch, dann schnellstens behoben werden.
Außerdem waren die sanitären Anlagen eine Zumutung. Warum FK Scorpio schreibt, dass die Zustände dort verbessert wurden, ist mir unverständlich: es gab im Vergleich zum letzten Jahr weniger Duschen, Dixiklos wurden auch weniger aufgestellt und nicht zuletzt der Wassermangel gab Grund zum Ärgern. Dazu tendierte die Reinigung der Anlagen gegen Null. Ich hab nie jemanden gesehen, der mal die Toiletten säuberte. Da kann man sicherlich wieder einiges besser machen.
Was die Stimmung auf dem Campingplatz angeht, war oberflächlich alles wie immer: Flunkyballspiele en masse, lustige Aktionen der Mitcamper, Wörter, die aus Bierdosen an den Zaun geschrieben wurden.
Nur der Müll am letzten Abend störte. Offensichtlich schaffen es einige viele nicht, ihre leeren Dosen oder Würstchenverpackungen in eine Mülltüte zu werfen. Teilweise wurden auch Pavillions, Zelte, Isomatten etc einfach auf dem Platz zurückgelassen oder noch besser in eine Tüte verpackt und als Müll abgegeben, um so den Müllpfand von fünf Euro zurück zu bekommen. Ah ja. Wie clever, da muss man sich um seinen Müll nicht kümmern, den räumen schon andere weg und bekommt auch noch Geld wieder. Sollte jemand nicht wissen, was mit dem Begriff Wegwerfgesellschaft gemeint ist, braucht nur mal ein Festival zu besuchen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich das auch der Veranstalter nicht mehr lange bieten lässt. Dann werden die Einlasskontrollen schärfer werden und jeder darf nur noch eine begrenzte Menge Bier und Essen mit auf den Platz bringen.
Trotz Security und berittener Polizei gab es am letzten Abend noch Horden von Pfandsammlern, die auch volle Tüten aufmachten und dort nach Dosen- und Flaschenpfand suchten. Diese Leute kamen durch Löcher am Zaun und machten sich auch über Sachen von Besuchern her, die noch gar nicht weg waren.
Einge Festivalbesucher schloßen sich dem an, allerdings in einer anderen Art und Weise. Sie liefen mehr oder weniger raubend und brandschatzend über den Platz und machten alles platt, was sich ihnen in den Weg stellte. Auch, wenn es nicht ihnen gehörte. Da wurden Zelte eingerissen, Sachen beim Nachbarn geklaut, Pavillions umhergeworfen. Ich weiß, Festival ist Festival und kein Kaffee trinken sonntags bei Omma. Aber muss das sein? Blinde Zerstörungswut übersteigt einfach ein paar Grenzen und ist für mich nicht nachvollziehbar.
Schön war dagegen die Stimmung im Partyzelt und beim allabendlichen Fußballgucken daneben. Obwohl das Hurricane im vollen Gang war, gab es genug Fans, die sich die Spiele angeschaut haben. Leer war der Platz vor der Leinwand nie. Public Viewing mit Livemusik im Hintergrund ist einfach auch noch mal tausend mal schöner.
[Hurricane Webseite]