Noch letztes Jahr vermochten Radiohead mit dem Onlinerelease ihres Albums In rainbows Fans, Kritiker und die Musikbranche gleichermaßen in Extase wie auch in Erstaunen zu versetzen. Nachdem seit Jahren heftig und kontrovers darüber diskutiert wird, wie weiterhin Tonträger an den Mann gebracht werden können, war das ein erstes Ausrufezeichen. Weitere Bands wie die Raconteuers oder Nine Inch Nails zogen nach.
Nun sind es also Bloc Party, die auf ihrer Internetseite einen Downloadbereich geöffnet haben, in dem man sich das dritte Album der Briten für fünf Pfund als MP3 kaufen kann. Ein physischer Release von Intimacy ist für den späten Oktober geplant. Neben einem vernünftigen Booklet erwartet die Fans dann sogar noch ein Plus: mehr Songs sollen den Weg auf die Platte finden und so einen Anreiz zum Kauf bieten.
2007 veröffentlichten Bloc Party mit Flux eine Single, die mehr als deutlich die Entwicklung weg vom New Wave zum Elektro zeigt. Ein Funprojekt vielleicht, denn die Single ist mehr Techno als Scooter jemals sein werden. Allerdings schaffte es der Song nicht auf das Album. Höchstwahrscheinlich auch deshalb, weil sich an Flux die Geister scheiden. Ist das schon genial? Oder ironisch zu verstehen? Oder einfach nur grottenschlecht?
Verständlich, dass Bloc Party den Fans diese Entscheidung nicht auf Albumlänge überlassen wollten und daher mit gebremsten Schaum daherkommen.
Aber auch auf Intimacy gehts elektronisch hoch her. Während Silent alarm sich durch überbordene Gitarrenriffs auszeichnete und A weekend in the city eher ein politisches als ein musikalisches Statement war, ist es nun an der Zeit gewesen, den Übergang zu vollziehen. Mutig zu sein, der Weiterentwicklung nicht im Weg zu stehen. Natürlich wird man von dem geprägt, was man sieht, liest oder hört. Und auch jeder weiß, dass das Elektroding ganz groß im Kommen ist bzw schon längst freundlich an die Tür geklopft hat. Kele Okereke hat anscheinend aufgemacht und adaptiert einen Teil dieses Genres nun für und auf seine Musik. Da werden die Gitarren kurzzeitig weggeschlossen und der Laptop ausgepackt. Elektronische Verstärker, Drummaschinen, Verzerrer, all das und noch vieles mehr empfängt und umschließt den Zuhörer. Was nicht heißen soll, dass man völlig auf herkömmliche Instrumentierung verzichtet. Vielmehr ist der elektronische Schnickschnack eine Art Grenzerfahrung: was kann man machen ohne live zu versagen, aber trotzdem all die Ideen zu verwirklichen, die sich im Laufe der Zeit ansammeln?
Hinter Intimacy steht ein großes Fragezeichen. Denn viele Fans sahen schon in A weekend in the city nur einen Ausrutscher. Das Debütalbum war eben eine Platte mit gradliniger aber intelligenter Tanzmusik, die einen beim ersten Anhören umgeworfen hat. Und auch der Nachfolger hatte durchaus seine großen Momente (jeder, der etwas anderes behauptet, sollte sich Sunday noch mal anhören und die ganze U2eske Scheiße ausblenden!).
So wird es auch mit Intimacy sein. Biko knüpft nahtlos an I still remember an. Mercury verspricht hinter seiner verschrobenen Fassade einen Dancefloorhit, One month off und Trojan horse hauen in dieselbe Kerbe. Signs mit seinem Geplinge lädt zum Träumen ein.
Grade gegen Ende wird das Album jedoch immer düsterer. Wenn schon A weekend in the city der nächtliche Streifzug durch London war, ist Intimacy ein Ableuchten der Abgründe. Wo die Sonne niemals scheint, ins Innere des Menschen. Weniger versöhnlich oder hoffnungsvoll als der Vorgänger und noch böser.
Vieles kommt einem bekannt vor, wie die Variation eines Themas. Eine Mixtur aus den beiden Vorgängeralben. Intimacy ist dadurch sicherlich kein schlechtes Album, es ist aber längst nicht so innovativ wie immer propagiert wird.
Intimacy: Ares; Mercury; Halo; Biko; Trojan horse; Signs; One month off; Zepherus; Better than heaven; Ion square [10]
